Der sture Bock

„Der sture Bock soll sich nicht so anstellen, da musst du dich mehr durchsetzen. Das nächste Mal versuchen wir es mit Sporen.“

„Wenn der nicht bald die Rübe runter nimmt, verpassen wir ihm Schlaufzügel. Der verarscht dich doch.“

„Der ist doch einfach nur faul. Du musst dem mal richtig zeigen, wer hier der Chef ist.“

„Jetzt halt doch mal dagegen, damit er das endlich kapiert. Wenn er auf deine Zügelhilfen nicht reagiert, probieren wir mal ein anderes Gebiss. Mit der Kandare wird er dir nicht mehr abhauen.“

„Der ist einfach nur stur und will nicht auf den Hänger. Da musst du mehr Druck machen, dann klappt das schon.“

„Der kann den Schmied nicht leiden, deshalb steht der nicht. Dem würde ich mal eine Sedierung verpassen.“

Hast du solche Sprüche schon gehört? Steht der „sture Bock“ vielleicht auch in deinem Stall? Vielleicht kennst du sogar mehrere oder hast selbst einen?

Ich hatte auch mal einen sturen Bock. Igor, ein polnisches Warmblut, der mich im Alter von 15 Jahren beim Probereiten als erstes richtig schön in den Dreck gesetzt hat. Dann ist er nach Hause gerannt und stand zufrieden am Heu. Mein Papa war entsetzt und ich begeistert. Dieses Pferd würde ich auf meine Seite bekommen, das war mein Plan. Aber da hatte ich nicht mit Igor gerechnet. Er war erst drei Jahre alt und hatte seinen eigenen Plan von seinem Leben.

Longieren gehörte leider auch nicht zu Igors Plan. Also suchte ich mir Hilfe und Igor und ich lernten longieren. Dann klappte nach kurzer Zeit auch das Reiten immer besser. Später wollte ich natürlich auch ausreiten, aber Igor wollte das nur in Gesellschaft seiner Lieblingsstute. Also besuchte ich Kurse, hörte mir Vorschläge und Ideen an, arbeitete mit ihm vom Boden an unserem Vertrauen und an seiner Balance und bald konnten wir gemeinsam schöne Ritte im Gelände unternehmen. Igor ist ein absolutes Verlasspferd geworden, das später nur mit Halfter im Gelände sicher reitbar war. Er ging in späteren Jahren als Voltigierpferd in einer Gruppe von beeinträchtigten Kindern und hat seinen Job immer zuverlässig und entspannt gemacht. Als ich merkte, dass meine Liebe zum Springsport von Igor nur bis zu einer bestimmten Höhe geteilt wurde, entschloss ich mich, ihn einer Freundin als Freizeitpferd zu verkaufen. Er lebt jetzt im Odenwald in einem tollen Offenstall und ist 29 Jahre alt. Ich danke ihm noch heute für jede einzelne Erfahrung, die ich mit ihm machen durfte.

Warum haben meine Pläne nicht von Anfang an geklappt? Das ist leicht zu beantworten: Ich hatte keine ausreichende Ahnung von Pferden, schlechte Ausrüstung und ein unausgebildetes Pferd. Es war mein Glück, dass ich Menschen um mich herum hatte, die mir wirklich geholfen haben. Ich habe aber auch nach solchen Menschen gezielt gesucht und suche sie noch heute. Und darum möchte ich dich ebenfalls bitten: Wenn du einen „sturen Bock“ hast oder ein schwieriges Pferd kennst, dann suche dir professionelle Hilfe.

Die richtigen Fachleute zu finden, ist aber oft nicht einfach. Daher stelle Fragen und bestehe auf Antworten. Ein Fachmann sollte auch Fachwissen haben. Höre dir aufmerksam und unvoreingenommen viele verschiedene Meinungen an. Im Zweifel verlass dich auf dein gutes Gefühl. Wenn sich etwas nicht gut anfühlt – auch wenn ein Profi am Werk ist – dann lass es! Keiner wird die Verantwortung für dein Pferd übernehmen, außer dir selbst. Lies Bücher, beschäftige dich mit Anatomie, Psychologie, Hufbeschlag, Sattelkunde und erkunde verschiedene Reitweisen. Bleib immer neugierig, höre auf die Antworten deines Pferdes und erfreue dich an eurer gemeinsamen Entwicklung.

Pferde stellen sich nicht an, sie verarschen nicht, sie sind nicht faul und sie sind nicht stur, nur weil wir unsere Fehler nicht sehen. Leider haben viele Pferde chronische Schmerzen. Am häufigsten erlebe ich in meiner Praxis Lahmheiten durch unpassende Hufbearbeitung und Rückenprobleme durch nicht angepasste Haltung und Reitweise oder unpassende Sättel. Es sind wirklich 90% der Pferde, die hier Probleme zeigen. Daher würde ich bei einem „sturen Bock“ diese Punkte immer abklären lassen.

Meine Kunden wollen alle gesunde Pferde, die laufen. Und das kriegen wir hin. Aber nicht pauschal, nicht laut, nicht mit Gewalt, sondern mit Grenzen, mit Entscheidungen, mit Mitgefühl und ganz viel Liebe zum Tier. Und mit den entsprechenden Fachleuten, die auch ich brauche und immer fragen kann, wenn ein Spezialist nötig wird. Mit Zeit, Geduld, Absprachen, Fragen, neuen Ideen und dem festen Willen immer besser zu werden. Das gilt für mein eigenes Pferd, für jedes Pferd das ich behandeln darf und für alle zukünftigen Pferde.

Mein Credo ist ganz klar: Wer aufhört zu sehen, zu hören, zu fühlen und wahrzunehmen, sollte weder mit Pferden, noch mit anderen Tieren arbeiten.

Daher bin ich froh, wenn meine Kunden mich anschreiben, weil das Pferd sich beim Reiten komisch anfühlt, sie einen anderen Takt hören als gewohnt, der Rücken fester geworden ist, das Pferd den Kopf komisch hält oder nicht richtig kaut oder sie bei einem Kurs etwas ausprobiert haben und das mit mir besprechen wollen. Und das ist wichtig, denn alles spielt eine Rolle und nur wenn wir gemeinsam arbeiten, erreichen wir das Ziel: Gesunde, lebenslustige Pferde und glückliche Reiter.