Die Eisen Karen

Die Eisen Karen

Diesen Spitznamen habe ich von Pferdeleuten erhalten und er soll meine Art der Arbeit beschreiben. Da mit mir direkt niemand darüber spricht, weiß ich nicht genau, ob es „eiserne Karen“ oder „Eisen Karen“ heißen soll. Das werde ich auch vermutlich nie herausfinden. Aber ich möchte euch gerne meine Gedanken dazu schreiben.

Seit über 10 Jahren bin ich mit meiner mobilen Tierheilpraxis im Rhein- Main Gebiet unterwegs. Und wie das so ist, als Tierheilpraktikerin wird man meistens erst gerufen, wenn schon alle anderen Spezialisten am Pferd waren. Das bedeutet zu diesem Zeitpunkt haben die Pferde und ihre Besitzer schon verschiedene Tierärzte, Kliniken und andere Fachleute um Rat gefragt, sind eine Menge Geld los geworden und erhalten oftmals keine korrekte Diagnose.

Kurz vor Weihnachten vor zwei Jahren erhielt ich wieder so einen Fall. Eine hübsche, junge Fuchsstute war laut Aussage mehrerer Tierärzte und nach verschiedenen Untersuchungen in Kliniken u.a. im CT mit der Diagnose Lahmheit durch Rückenprobleme nicht mehr reitbar. Die junge Besitzerin hatte entschieden, ihr Pferd für ein Jahr auf die Koppel zu stellen und zu hoffen, dass die Stute sich erholt. Sattel und Zubehör hatte sie größtenteils verkauft, weil sie die Hoffnung aufgegeben hatte, die Stute wieder reiten zu können. Aber sie sollte ein schmerzfreies Leben haben und um das abzuklären, vereinbarten wir einen Termin. So konnte ich mir das Pferd Mitte Dezember ansehen. Ich lasse die Pferde erst mal vorführen, um überhaupt erkennen zu können, woher die Lahmheit kommt. Bei dieser Stute rief ich schon nach wenigen Metern „Stopp! Nicht weiter führen!“ weil ich wirklich Angst hatte, die Stute könnte vor lauter Schmerzen sofort kollabieren. Bei der Untersuchung zeigte sich schnell die Ursache der Schmerzen: akute Huflederhautentzündung auf allen vier Hufen. Ihre Hufe waren so heiß, da hätten wir ohne Probleme ein Spiegelei drauf braten können. Einen längeren Koppelaufenthalt hätte sie in diesem Zustand mit Sicherheit nicht überlebt.

Mein Schmied kennt diese Notfälle und als ich ihn anrief, war klar, dass wir da sofort handeln müssen. Einen Tag vor Weihnachten bekam sie ihren ersten Beschlag. Vier Eisen mit Ledersohle und natürlicher Einlage, um die Entzündung zu bekämpfen. Sofort nach dem Beschlag lief sie deutlich besser und war innerhalb weniger Tage lahm frei. Weiterhin habe ich sie regelmäßig mit Akupunktur und Dorntherapie behandelt, denn Schmerzen führen im Körper immer zu Fehlhaltungen. Sie ist weiterhin meine Patientin und ich freue mich jedes mal, wenn ich diese hübsche Fuchsstute sehe. Ich freue mich sehr für sie und ihre sympathische Besitzerin.

Solche Fälle erlebe ich in meiner Praxis sehr häufig. Auch wenn sie meistens nicht so dramatisch sind, wie bei der Fuchsstute. Es bestehen unklare Lahmheiten, immer wieder kehrende Rückenprobleme oder andere chronische Erkrankungen, die die Lebensqualität des Pferdes beeinträchtigen. Ich kläre die Besitzer dann auf, was zu machen ist und wie meine Empfehlung aussieht. Einige lassen sich darauf ein, weil sie einsehen, dass ein gesundes Pferd nur mit gesunden Hufen funktioniert. Viele brechen die Behandlung dann ab, weil barhuf ja sehr natürlich ist und sie sich nicht vorstellen können, dass die Lahmheit ihres Pferdes mit den Hufen zusammen hängt.

Wir arbeiten am Pferd aber nicht mit Vorstellungen, Ideen und Philosophien. Am Pferd gibt es einen Bedarf, einen Anspruch an das Leben. Das Pferd als Fluchttier hat den Bedarf einer schmerzfreien Fortbewegung. Schmerzen im Bewegungsapparat führen beim Pferd schnell zu psychischen Problemen, Organschäden, Koliken und massiven Einschränkungen in allen Lebensbereichen. Und ich habe den Anspruch, dass die Pferde, die ich behandele, korrekt und schmerzfrei über ihre Gliedmaßen laufen. Sonst brauche ich keine Nadel zu setzen und auch keinerlei physiotherapeutische Behandlung hilft dem Pferd dann weiter. Dazu bin ich als Therapeutin dem Pferd und dem Tierschutz verpflichtet. Lahmheit durch falsche Hufbearbeitung, unkorrekten oder fehlenden Beschlag auf Grund irgendwelcher Philosophien, kann ich nicht unterstützen.

Mein offener Umgang mit diesem Thema hat mir nun den Spitznamen „Eisen Karen“ eingebracht. Für mich ist er ein Lob, auch wenn das von den Verfassern ursprünglich bestimmt nicht als solches verfasst wurde. Ich vermute, dass hier unpassende philosophische Ansätze gepaart mit gefährlichem Halbwissen als Ursache für die Missgunst meiner Arbeit zu sehen sind. Das spielt keine Rolle. Jeder darf seine Meinung zu diesem Thema haben und sie auch gerne behalten. Meine Kunden haben meine ehrliche Meinung verdient, damit sie selbst die Möglichkeit haben, eine vorgeschlagene Therapie oder Behandlung realistisch zu bewerten. Ich habe auch Verständnis, dass viele Pferdemenschen diesen Weg nicht mitgehen können. Die Veränderungen sind für sie zu stark oder noch viel schwieriger ist es, sich einzugestehen, dass man etwas falsch beurteilt hat. Dann müssen sich unsere Wege trennen. Und das ist gut so. Für mein Gewissen werde ich keine Pferde behandeln, bei denen durch fehlende Voraussetzungen keine Aussicht auf Besserung besteht. Damit ist der Spitzname der eisernen Karen unbeabsichtigt extrem treffend gewählt. Vielleicht lasse ich ihn mir ja auf ein Shirt drucken...